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geh mal mehr aus dir raus
Introversion Mentale Gesundheit

„Geh doch mal mehr aus dir raus“ – Warum dieser Rat für introvertierte Fachkräfte toxisch ist

Corinna Behling
Corinna Behling

Es ist das jährliche Mitarbeitergespräch oder das Feedback nach einem großen Meeting. Dein Vorgesetzter nickt anerkennend über deine fachliche Leistung, fügt dann aber diesen einen Satz hinzu: „Du müsstest einfach mal ein bisschen mehr aus dir rausgehen. Präsenter sein. Lauter werden.“

Was oft als gut gemeinter Karrieretipp getarnt ist, löst bei vielen introvertierten Fachkräften einen Mix aus Frust, Scham und Erschöpfung aus.

Ein Moment, der alles veränderte: Du bist nicht allein

Vor einiger Zeit war ich in einem Training zum Thema „Hidden Potentials von Introvertierten“. In der Gruppe war eine Frau, etwa um die 50, fachlich hochkompetent und mit jahrzehntelanger Erfahrung. Mitten im Training fing sie plötzlich an zu weinen.

Nicht aus Trauer, sondern aus einer tiefen Erleichterung heraus, weil sie sich zum ersten Mal in einer sicheren Umgebung befand, in der sie sein durfte, wie sie ist. Sie erzählte uns unter Tränen, wie verunsichert sie war. Ihr gesamtes Netzwerk – Kollegen, Freunde, Vorgesetzte – hatte ihr über Jahre hinweg immer wieder diesen einen Satz entgegengeschleudert: „Geh doch mal mehr aus dir raus.“

Egal, ob sie sich einmal die Last von der Seele reden wollte oder um konstruktives Feedback bat – die Antwort war immer dieselbe. Man wollte ihr Wesen „korrigieren“, statt ihre Herausforderungen zu verstehen.

Auch ich habe diesen Satz oft genug gehört. Meist von Personen, die mein Naturell nicht verstanden haben. Personen, die nicht sahen, dass unsere „Stille“ kein Mangel an Mut ist, sondern eine andere Art der Weltbegegnung. Daher möchte ich dir, bevor wir zu den Strategien kommen, eines ganz deutlich sagen: Du bist damit nicht alleine. Und du bist absolut richtig, so wie du bist.

Das Missverständnis: Warum der Rat biologisch unsinnig ist

Der Rat, „mehr aus sich rauszugehen“, basiert auf dem Extrovertierten-Ideal unserer Arbeitswelt. Es wird so getan, als sei Introversion eine Fehlfunktion, die man durch „Übung“ beheben könne. Doch für ein introvertiertes Gehirn ist die Aufforderung, sich wie ein Extrovertierter zu verhalten, eine Aufforderung zur Selbstverleugnung.

Die Gefahr des „Acting as an Extrovert“

In der Psychologie nennt man das bewusste Agieren gegen die eigene Natur „Free Trait Acting“. Es führt zu:

  • Chronischem Stress: Da du ständig gegen dein biologisches Erregungsniveau ankämpfst.
  • Authentizitäts-Verlust: Du wirkst für andere hölzern oder unsicher, weil deine Körpersprache nicht zu deinem inneren Zustand passt.
  • Emotionaler Erschöpfung: Wie die Frau in meinem Training, tragen viele diese Last jahrelang mit sich herum, bis das Fass überläuft.

Warum deine Zurückhaltung eine strategische Stärke ist

Anstatt zu versuchen, die vermeintlichen Defizite zu beheben, sollten wir die unschätzbaren Vorteile betrachten, die verloren gehen, wenn du versuchst, laut zu sein:

  1. Beobachtungsgabe: Während andere reden, nimmst du Zwischentöne, Mimik und ungesagte Konflikte im Raum wahr.
  2. Präzision: Du sprichst meist erst, wenn ein Gedanke zu Ende gedacht ist. Das erhöht die Qualität der Beiträge massiv.
  3. Zuhör-Kompetenz: In einer lauten Welt ist derjenige, der wirklich zuhört, oft die wertvollste Person im Raum.

Wie du souverän auf den Rat „Geh mehr aus dir raus“ reagierst

Wenn du das nächste Mal mit diesem Feedback konfrontiert wirst, probiere diese drei Reaktionen aus:

  • Der Reframing-Ansatz: „Ich verstehe, dass Sichtbarkeit wichtig ist. Meine Stärke liegt darin, Informationen erst tief zu durchdringen. Dadurch sind meine Beiträge fundierter. Wie können wir diesen Wert für das Team sichtbarer machen?“
  • Der Fokus-Ansatz: „Präsenz bedeutet für mich nicht Lautstärke, sondern Qualität. Ich konzentriere mich darauf, in entscheidenden Momenten die richtigen Impulse zu setzen.“
  • Die klare Grenze: „Ich schätze deine Unterstützung. Mein Naturell ist eher beobachtend und analysierend – und genau daraus ziehe ich meine fachliche Stärke.“

FAQ: Fragen zum Umgang mit Erwartungsdruck

1. Ist es unhöflich, still zu sein? Nein. Es ist eine Form der Präsenz. Wer zuhört, zollt dem Gegenüber Respekt. Unhöflich ist es, den Raum mit Worten zu füllen, ohne etwas zu sagen zu haben.

2. Was ist ein „Extraverted Burnout“? Das ist die totale Erschöpfung durch ständiges Agieren gegen das eigene Temperament. Wie die Frau im Training gezeigt hat, führt das zu einer tiefen inneren Verunsicherung.

3. Kann ich im Coaching lernen, präsenter zu sein, ohne laut zu werden? Ja. Genau darum geht es bei „Flow Entfalten“. Wir erarbeiten Wege, wie du deine Sichtbarkeit auf deine eigene, authentische Weise steigerst – ohne dich zu verbiegen.

Fazit: Entfalte deinen Flow, statt dich zu verbiegen

Wahrer beruflicher Erfolg für introvertierte Fachkräfte kommt nicht davon, eine schlechte Kopie eines Extrovertierten zu werden. Er kommt davon, das eigene „Habitat“ so zu gestalten, dass die leise Kraft wirken kann.

Du hast genug davon, dich ständig für deine Art rechtfertigen zu müssen? In meinem Coaching schaffen wir einen sicheren Raum – genau wie in dem Training, von dem ich erzählt habe. Wir legen die Lösungen frei, die bereits in dir schlummern, und stärken dein Selbstvertrauen in deine „Leise Kraft“.

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